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Was ist Karate-Do?
„So wie die blanke Oberfläche eines Spiegels alles wiedergibt, was vor
ihm steht, und wie ein stilles Tal selbst den schwächsten Laut
weiterträgt, soll der Karateschüler sein Inneres leermachen von
Selbstsucht und Boshaftigkeit, um in allem, was ihn begegnen könnte,
angemessen zu handeln." (Karateweisheit)
Die Silbe „Do“ bedeutet auf deutsch „Weg“ und ist auch in anderen
japanischen Disziplinen zu finden: Judo, Kendo, Aikido. Andere
Kampfkünste verwenden diese Silbe, wie das Karate-Do, als Zusatz. In
früheren Zeiten wurden die Kampfkünste mit dem Zusatz „Jutsu“ (Technik)
versehen. Kenjutsu oder Karate-Jutsu waren also die „Techniken mit dem
Schwert“ oder die „Techniken mit der leeren Hand“. Zurück geführt
werden kann dieser ursprüngliche Zusatz den historischen Analysen von
Reilly zufolge auf die Notwendigkeit, Techniken zu verwenden, die das
Töten im extremen Falle der Selbstverteidigung mit einschließen. In
Japan des späten 19. Jahrhunderts bestand diese Notwendigkeit immer
seltener. Zahlreiche Kenjutsuschulen organisierten Wettkämpfe mit dem
Bambusschwert Shinai, die schnell an Popularität gewannen und zur
Bezeichnung Kendo führten. Hinter der Änderung der ursprünglichen
Bezeichnung „Technik des Schwertes“ zu „Weg des Schwertes“ stehen also
die neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, innerhalb derer die
Ausübung der alten Samuraikünste nunmehr stattfand. „Do“ soll den Weg
zur Meisterung der Kunst beschreiben. Der Begriff „Weg“ betont dabei
die permanente Arbeit an den psychischen und physischen
Voraussetzungen, an der Persönlichkeit des Übenden und nimmt den
starren Blick auf das Endziel, die Vollkommnung des Charakters und der
technischen Fähigkeiten.
Ein wichtiger geschichtlicher Hintergrund dieser Prinzipien ist der in
Japan seit der Kamakura-Periode (1185-1333) verbreitete Zen-Buddhismus,
dessen Lehre auf den indischen Mönch Bodidharma zurückgeführt wird.
Seine Religion, die unter den adligen Kriegern den Samurai, schnell
Verbreitung fand, lehrte, dass das Ziel, die Erleuchtung (Satori),
durch intensive körperliche und geistige Meditation herbeigeführt
werden kann. Intensive Formen der Meditation führen vom (logischen)
Denken hin zu einer Leere und Harmonie zwischen Körper und Geist.
Unbedingter Gehorsam und die freiwillige Unterwerfung des Schülers
unter die Anleitungen des Zen-Meisters waren Bestandteil dieser
Religion. Eine ähnliche Haltung praktizierten die Samurai ihren
feudalen Herren gegenüber. Ihr Ehrenkodex, als „Bushido“ bezeichnet,
verpflichtete sie zu bedingungsloser Loyalität gegenüber der
ranghöheren Klasse. Diese Loyalität ging bis zur rituellen Selbsttötung
mit dem Schwert. Das „Seppuku“ war die Konsequenz für einen Samurai,
der den gestellten Aufgaben nicht gerecht wurde.
Die Meditation hatte die Funktion, den Samurai in einem Zustand innerer
Ruhe zu versetzen, um im entscheidenden Moment seine ganze Energie
konzentrieren und seine Todesangst überwinden zu können. Dies
erforderte ein beständiges Üben der Technik und das konsequente
Arbeiten am eigenen Charakter. Vollendung wird niemals erreicht, rückt
aber auf dem Weg des Bemühens näher. Konzentration und die Fähigkeit,
hinderliche Gefühle zu vermeiden, waren das Ziel der Meditation.
Übertragen auf das heutige Karate-Do würde dies heißen, dass nicht die
Höchstleistung selbst, sondern der Weg dahin, das Üben, sinngebende
Bedeutung hat. Die Technik und der erreichte Grad ihrer Meisterung ist
ein Spiegel des inneren Zustandes. „Mushin“, das geistige Loslassen,
soll dem Schüler helfen, diesen Weg zu beschreiten.
Obwohl die Vorstufen des Karate also die zunächst relativ
„philosophiefreien“ Kampftechniken der Fischer und Bauern waren,
übernahmen die japanischen Karatemeister zunehmend Elemente aus dem
Bushido und anderen, durch den Zen-Buddhismus in der japanischen
Gesellschaft verankerten geistigen Prinzipien. Ein Relikt der strengen
Zen-Hierarchien, das wir im heutigen Karate wieder finden, sind die
hierarchische Gliederung des Sports durch das Graduierungssystem und
die starke Rolle des Lehrers, „Sensei“, die in keiner westlichen
Kampfdisziplin zu finden ist. Auch die Verhaltensregeln und der
Anspruch, über das Training hinaus durch die beständige Ausübung der
Kampfkunst das gesamte Leben zu meistern, ist auf die Integration des
Zen-Buddhismus zurückzuführen.
Zahlreiche Lehrer des Karate auf Okinawa hatten einen Ehrenkodex. Dies
waren Regeln, nach denen der Karateka leben sollte. Als „Dojo-Kun“ sind
diese Vorschriften in vielen erweiterten Varianten heute noch
gebräuchlich. Die erste Niederschrift von Meister Sakugawa (1733.1815)
ist überliefert.
- Vervollkommne deinen Charakter!
- Bewahre den Weg der Aufrichtigkeit!
- Entfalte den Geist der Bemühung!
- Respektiere die Anderen!
- Meide gewaltsames Verhalten!
Integrale Bestandteile der heutigen Ethik des Karate wurden auch die folgenden Regeln Funakoshis:
- Höchstes Ziel im Karate ist weder Sieg noch Niederlage, sondern die Vervollkommnung des Charakters.
- Es gibt keinen ersten Angriff im Karate
Bereits der erste Satz hält fest, dass Karate weit mehr als nur
physische Dimensionen enthält. Durch konsequentes Trainieren sollen
Kampfgeist und Siegeswille geweckt werden. Aber geistige Schulung,
Bescheidenheit, Aufrichtigkeit und Respekt, Selbstkontrolle und
Beherrschtheit wurden als ebenso unverzichtbare Bestandteile des Karate
betrachtet wie die Vermeidung von Gewalt. Dass es im Karate keinen
ersten Angriff geben soll, heißt, der Karateka darf niemals einen Kampf
provozieren. Die Friedfertigkeit und der defensive Charakter des Karate
spiegelt sich auch in den Kata wieder, die immer mit einer
Verteidigungstechnik beginnen.
Das Wahrzeichen des Shotokan Karate, der Tiger im Kreis,
symbolisiert wie kein anderes die Ziele des Karate-Do. Während der
Tiger die Fähigkeit zu kämpfen und zu siegen symbolisiert, ist er doch
durch den Kreis in seiner Freiheit begrenzt. Der Kreis steht für die
Vernunft, den Verstand, die Kontrolle und das geistige Prinzip des
Karate-Do.
Heute gehören rituelle und formelle Elemente, wie zum Beispiel
des Verbeugen aus Respekt vor Partner und Lehrer zum Trainingsalltag.
Sie enthalten natürlich nur rudimentär die strengen Vorschriften der
Samuraikaste. Im Alltag der heutigen Dojos sind sie jedoch das Zeichen
der unbedingten Achtung gegenüber den Mitmenschen und ein Beweis von
Selbstbeherrschung und Kontrolle. Das Prinzip des Do wird immer auch
vom Vorbild und Beispiel des jeweiligen Karatelehrers geprägt. Er muss
den Schülern helfen, tiefer in das Wesen des Karate einzudringen. Das
ist nicht mit dem Ablegen von Gürtelprüfungen getan. Schulung von
Charakter und Etikette gehört unbedingt dazu, denn auch dies dient zu
Vervollkommnung der Technik.
Die Meisterung des Karate findet zwar mit dem Erreichen des
ersten Dan einen vorläufigen Abschluss, wer allerdings sowohl Technik
als auch seine Persönlichkeit weiterentwickeln möchte, für den fängt
der lange Weg des Karate-Do jetzt erst richtig an.
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